Keine Panik!

Der übergriffige Bereitschaftsarzt

Als mein Arzt von meinem Wunsch hörte, die Entgiftung zu machen, rief er in der Klinik an. Er wollte fragen, wie er mich weiterbehandeln solle und wie lange meine Wartezeit sein würde. Die Klinik empfahl meinem Arzt, mich bereits jetzt auf Diazepam umzustellen, aber wie lange die Wartezeit sein würde, konnten sie nicht sagen.

Diazepam – auch als Valium bekannt – ist ebenfalls ein Benzodiazepin. Es wird bei der Entgiftung eingesetzt, da die Wirkung länger anhält und man es daher besser ausschleichen kann.

Als ich das hörte, war ich erstmal sehr froh, ich erinnerte mich, schon einmal Valium bekommen zu haben, und dass mir die Wirkung gut gefallen hatte. Also dachte ich mir, dann würde die Wartezeit wenigstens nicht so schlimm werden.

Tag eins war harmlos, vormittags noch Tavor, erst abends die erste Valium-Tablette. An Tag zwei ging der Spuk los.

Die Wirkung der Dosis, die ich nehmen sollte, war zwar wesentlich stärker als die vom Tavor. Aber ich spürte gar nichts davon, schlimmer noch, meinem Körper hat der Ersatz nicht geschmeckt, er verlangte nachdrücklich nach dem alten Stoff. Dadurch hatte ich die schlimmste Panikattacke meines Lebens. Und sie ging nicht, wie sonst üblich, nach spätestens einer Stunde vorbei, sondern blieb unverändert stark.

Das war der Grund, warum ich mich an die 116 117 gewendet habe, ich brauchte einen Arzt, der mir sagt, was ich tun kann, jemanden der mir irgendwie hilft, das durchzustehen. Ich hatte auch Angst, dass ich falsch umgestellt worden war, da ich keine Wirkung spürte. So kam es, dass mich ein Bereitschaftsarzt aufsuchte.

Bereits als ich ihm die Tür öffnete, hatte er einen glutroten Kopf und schnauzte mich an: “Was ist denn los?”. “Sind Sie bettlägerig, das sieht nicht so aus. Das wünsche ich Ihnen auch nicht.”. “Von mir kriegen Sie nichts!”. Er fauchte weiter, dass ich den Notruf, missbraucht hätte und drohte mir mit einer Strafanzeige. Die 116117 ist kein Notruf. Er war auch nicht als Notarzt unterwegs, sondern als Bereitschaftsarzt.

Ich war völlig entgeistert und habe einfach nur funktioniert, ich schilderte, was mein Problem war, dass ich kein Beruhigungsmittel von ihm wollte – ich hatte ja selbst welches, sondern nur Rat wollte. Als er fragte, ob ich alleine wohne, erzählte ich ihm, dass mein 87-jähriger Vater im ersten Stock schläft. Mein Vater und ich wohnen hier seit dem Tod meiner Mutter so etwas wie zwei Singles, leicht chaotisch und verschmutzt. Das kommentierte er mit: “Hier sieht es pflegebedürftig aus”. Immer noch völlig entgeistert habe ich mich bedankt und ihn zur Tür begleitet. Dann kam die Krönung, ich kann es mir nicht anders erklären, als dass er wollte, dass mein Vater aufwacht, jedenfalls machte er noch einen Klingelstreich. Mir war kotzübel.

Ein paar Stunden nach dem Arztbesuch klingelte das Telefon. Die Klinik war dran. Ich könne in wenigen Tagen einen Platz haben. Am Telefon war ich noch cool, aber direkt nachdem ich aufgelegt hatte, brach ich in Freudentränen aus. Mir wird endlich geholfen!

Ich habe mich telefonisch meiner Schwester anvertraut, die mich den restlichen Tag begleitet hat. Irgendwann war ich zwar immer noch in Panik, aber ausgelaugt genug, um sofort einzuschlafen.